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Reisetipps

Das unentdeckte Land


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Glasklar liegt der Manzanita Lake in der untergehenden Sonne. Gestochen scharf spiegelt sich darin der Lassen Peak, der größte Lavadom-Vulkan der Welt und das Zentrum des Lassen Volcanic National Park im Shasta County, Kalifornien. 1917 spuckte der Lassen das letzte Mal Rauch und Asche, seitdem ist es still geworden um den mehr als 3100 Meter hohen Gesteinsriesen. 

Golden fällt das Licht auf den See. Und nur ein paar Wasservögel und vereinzelte Backenhörnchen da und dort erzählen vom Leben, das hier in der Saison pulst. Allein am Manzanita Lake. Allein mit sich, der Welt – und den vergangenen fünf Tagen, die uns hierin geführt haben. Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Mit Schnellstraßen, Staus und einem Gewerbegebiet.

Der Anfang: Dublin Fünf Tage zuvor: Irgendwo an der Kreuzung Interstate 580/680 liegt mitten im Alameda County das 36.000-Seelen-Nest Dublin; einst – der Name lässt es vermuten – vor allem Heimat irischer Einwanderer. Knapp eine Stunde dauerte die Fahrt von San Francisco aus hierher. In der morgendlichen Rush Hour war der Stau quasi vorprogrammiert. Hier, mitten in einem Industriegebiet, liegt einer der Hauptstandorte von „El Monte RV Rentals“, dem zweitgrößten Wohnmobil-Vermieter der USA. Mit 7,26 bzw. 9,40 Meter Länge und ausfahrbarem Wohnraumerker bieten die Fahrzeuge mehr als Platz genug für eine Familie. Und wem das nicht reicht – größere Modelle sind problemlos zu finden. Platz lautet auch das Credo der kommenden Tage: Unterkünfte stellt KOA (Kampground of America) – die mit mehr als 430 Standorten größte Campingplatz-Kette der USA. Swimmingpool, Shop, Satelliten-TV am Stellplatz und Unterhaltungsangebote selbst für mitreisende Hunde sind hier fast immer Teil des Programms.

Die kleine Schwester des Napa Valley: Sonoma County Eines ist klar: Als Haupt-Weinanbaugebiet der USA stellt der „Golden State“ Caravan-Fahrer beinahe Meile für Meile auf die Probe. Trotz der strikten Devise „Don’t drink and drive“ markiert das Weingut „Schug Carneros Estate Winery“ acht Kilometer südlich von Sonoma den ersten Zwischenstopp. Was etwas ungewöhnlich ist. Denn die unbestritten bekannteste Weinregion Kaliforniens ist das Napa Valley, das von der Bucht von San Pablo bis zum Mont Saint Helena reicht. Hier werden bei mediterranem Klima Weine produziert, die zu den Besten der Welt gehören.
Quasi „gleich nebenan“ führt das Sonoma Valley eher die Existenz einer vernachlässigten kleinen Schwester. Dabei bietet das Gebiet, das im Osten von den Mayacamas Mountains und im Westen von den Sonoma Mountains eingerahmt wird, ganz besondere Bedingungen für den Weinbau.
Einer der es wissen muss, ist Walter Schug. 1935 geboren, wurde er als Sohn eines Winzers in Assmannshausen groß – und hat, ohne das despektierlich zu meinen, den Pinot Noir mit der Muttermilch aufgesogen. Und der „Diva unter den Rotweinen“ ist er bis heute treu geblieben: 50.000 Kisten Wein produziert „Schug Carneros Estate Winery“ jährlich; die Hälfte davon Pinot Noir.
Die kalifornische Karriere des Deutschen begann 1961. Syrah und Riesling-Spätlesen bereiteten ihm den Boden. Heute gehören ihm 20 Hektar in der „Carneros“ Weinregion im Sonoma County. Das vom Pazifik geprägte Klima bedingt im Frühjahr relativ warme Nächte, was einen frühen Austrieb begünstigt, und sorgt im Sommer für Morgennebel und kühle Nachmittage, was den Trauben mehr Zeit gibt zur Reife und Ausbildung des Geschmacks. Das Ergebnis: Chardonnay und Pinot Noir von intensivem Geschmack und ausbalancierter Säure, die regelmäßig Top-Bewertungen holen. Vorzüge, von denen sich Durchreisenden bei einer Weinprobe selbst überzeugen können - sofern sie nicht noch fahren müssen.

Love and peace: Point Arena Von Santa Rosa aus führt der California Highway 128 in Richtung Küste; den restlichen Weg bis Point Arena im Mendocino County geht es über Land. Das Ziel: der mit 35 Metern höchste Leuchtturm an der Westküste der USA.
Schneeweiß ruht er am Rande des Pazifiks und wer die 145 Stufen hinter sich gebracht hat, wird mit einem grandiosen Blick über die kluftige Küste und vielleicht auf den ersten Grauwal der Saison belohnt.
Mel Gibson drehte hier zusammen mit Jamie Lee Curtis Sequenzen aus „Forever young“. Ein Motto, das auch Mitch McFarland irgendwie am Herzen liegt. Mitch ist bekennender Hippie und damit Teil einer gar nicht so kleinen Gemeinde, die sich einer alternativen und damit mittlerweile sehr modernen Lebensart verschrieben hat.
Sein Honda Accord ist alt und klapprig; ein Aufkleber am Kofferraum bildet aus dem Peace-Zeichen, dem Davidstern, Ying und Yang, dem christlichen Kreuz und dem Halbmond das Wort „Coexist“. Seine Jeans sind erdverkrustet, sein T-Shirt staubig und in seinem Nacken liegend hechelt sich sein Terrier Scout die Lunge aus dem Leib. Ein Ersatz quasi für die fehlende Hippie-Mähne: „Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, mir die Haare zu schneiden. Sie gingen mir ohnehin aus“, erklärt Mitch entschuldigend. 63 ist er heute: „Ich war schon ein Hippie, als ich mit Anfang 20 hier ankam.“ Nachhaltigkeit und ein autarkes Leben – damals wie heute seien das die entscheidenden Themen. 473 Einwohner hat Point Arena aktuell, die meisten davon würden sich selbst als Hippies bezeichnen - was nicht heißt, dass man nicht längst im 21. Jahrhundert angekommen ist: „Meine Tochter lebt in einer Jurte, kreiert Schmuck und Klamotten“ sagt Mitch. „Verkauft werden sie über das Internet.“

Hippies und Hollywood: Mendocino Die Hippies von heute – sie nennen sich „Hill Kids“, sind zwischen 16 und Mitte 20 und manchmal findet man sie auf den Straßen Mendocinos mit Hund, Katze, Geige und Gitarre. Seine Berühmtheit hat der Ort vor allem Hollywood zu verdanken. Deutschem Schlager eher weniger - Mark Sejvar, Tourismus-Chef von Mendocino County, kennt den Song von Michael Holm nicht; auch nicht das Original des „Sir Douglas Quintets“. „Es gibt ein Lied über Mendocino? Das muss ich mal recherchieren.“ Sein Ziel ist es, den 800-Einwohner-Ort vor allem als „Künstlerkolonie“ zu promoten, als Schauplatz des jährlichen Mendocino Film Festivals etwa. Hippies – das war gestern. Und die adretten Holzhäuschen, die herrlichen Bauerngärten und die Kunstwerke in den Vorgärten scheinen ihm Recht zu geben. Mendocino ist klein, aber fein – und durfte ob dieser Vorzüge daher ebenfalls schon als Filmschauplatz herhalten: als Monterey in „Jenseits von Eden“. Und noch heute ist man in der Bar des „Little River Inn“ mehr als stolz darauf, dass James Dean dort an der Theke saß.

Im Land der Riesen: Avenue of the Giants Es mögen nur 50 Kilometer auf dem alten Highway 101 sein. Doch diese 31 Meilen haben es in sich: knapp 20 Hektar Redwood-Wald, eingebettet in den „Humboldt Redwood State Park“. Einen ersten Einblick in die Einmaligkeit dieser Küsten-Mammutbäume, die über 100 Meter hoch werden können, gewährt auf dem Weg entlang der Küste nach Norden die „Avenue of the Giants”. Selbst der größte Caravan wirkt auf dieser Allee wie ein Spielzeugauto. Eine eigene Karte führt Ausflügler zu den Höhepunkten am Wegesrand – und das ist mitunter wortwörtlich zu nehmen. Etwa am „Founders Tree“, wo ein gut ausgeschildeter Wanderweg vor einem 105 Meter hohen, uralten Baumriesen endet. Am „Tree House“ kann der Camper geparkt werden, um einen Blick in das kleine Haus zu werfen, das im Fuß eines Redwood-Baumes angelegt wurde. Die Bezeichnung „Baumhaus“ ist hier in völlig neuen Dimensionen zu erleben, die jedoch in keinem Vergleich zu dem stehen, was man einige Kilometer weiter nördlich, in Eureka, unter Architektur versteht.

Eureka: Holzfäller und alte Häuser „Heureka – Ich hab’s gefunden!“ – englisch: Eureka. Der Name einer Stadt sagt meist viel über ihre Vergangenheit aus. Mitten im Humboldt County gelegen ist Eureka mit rund 27.000 Einwohnern die größte Stadt an der Westküste nördlich von San Francisco. Ein Standort, der schon früh von Vorteil war. Erst für die Goldsucher, dann für die Holzfäller. Die Hafenstadt gilt als einer der wichtigsten Umschlagplätze in der Geschichte des Holzhandels an der Westküste.
Ein profitables Unterfangen, das die Bewohner zu reichen Leute machte. Ein Reichtum, von dem heute - insbesondere im „Old Town Historic District“ - noch hunderte viktorianische Holzhäuser künden. Keines unter vielen: Carson Mansion an der Kreuzung 2nd/MStreet. Erbauen ließ es zwischen 1884 und 1886 der Holzbaron William M. Carson. Mit seinen Erkern, Türmchen, Gauben und geschnitzten Säulen steht es heute im Ruf, das meist fotografierte Haus in den Vereinigten Staaten zu sein. Zugleich diente die prachtvolle viktorianische Villa, die heute einen exklusiven Business Club beherbergt, als Vorbild zahlreicher Geisterhäuser; etwa dem „Mystic Manor“ im Disneyland, Hongkong.
Apropos Geister. Der britische Poet John Masefield schrieb über die kalifornischen Redwoods: „Sie sind nicht einfach Bäume, sie sind wie Geister. Die Haine, in denen sie wachsen, sind nicht einfach Orte, sie sind wie Lieblingsorte – Lieblingsorte der Kentauren oder der Götter.“ Und eine kurze Fahrt auf dem California Highway 255 von Eureka aus Richtung Norden macht deutlich, was er damit meinte.

Natur so wie sie sein soll: die Redwood National und State Parks Wer einen Stopp in Orick einlegt, den Caravan parkt und sich zu Fuß in die Welt der Baumriesen begibt, ist mittendrin im rund 44.100 Hektar großen UNESCO-Weltnaturerbe, den „Redwood National und State Parks“. Beinahe die Hälfte des verbliebenen natürlichen Bestandes an Küsten-Mammutbäumen ist hier zu finden. Nur hier erreichen die Riesen tatsächlich maximale Höhe und maximale Dichte, so dass kaum Licht auf den Boden fällt. Feucht ist es hier und im geisterhaften Zwielicht ungewöhnlich still.
Zwitschernde Vögel sucht man vergeblich – sein tanninreiches Holz schützt den Redwood vor Schädlingen und nimmt damit zugleich vielen Vögeln die Nahrungsgrundlage. Kleinere Säugetiere, Amphibien und Greifvögel finden sich sehr wohl, auch Schwarzbären werden regelmäßig gesichtet, zudem Pumas, Rehe und die nur in dieser Gegend heimischen „Roosevelt Elks“, eine Hirsch-Unterart.
Es scheint, als seien die uralten Baumriesen allein mit sich und der Welt. Begleitet nur von Moosen, Farnen und von Myriaden an Kleeblättern. Durchschnittlich 500 bis 700 Jahre haben die Redwoods auf der extrem dicken Borke. Der älteste bekannte Küstenmammutbaum fiel vor langer Zeit – in einem Alter von etwa 2200 Jahren. Ein Setzling, als die Römer das heutige Großbritannien besetzten. „Ewige Geister“ nannten die amerikanischen Ureinwohner die Redwoods. Am Redwood Creek im Süden des Parks steht mit dem über 115 Metern hohen „Hyperion“ der vielleicht derzeit größte Baum der Welt.

Das unentdeckte Land: Shasta Cascade Die extremen Windungen des Highway 299 führen weit hinein ins Landesinnere, Richtung Sacramento River und der Region Shasta Cascade. Von Redding aus geht es weiter über Landstraßen gen Oregon. Und dann hat man den Namensgeber der Umgebung plötzlich direkt vor Augen: Mount Shasta. Einsam erhebt sich der 4300 Meter hohe Schichtvulkan am Wegesrand. Strahlend, klar und rein. Úytaahkoo, weißer Berg, nennt der Stamm der Karuk den Berg, ein heiliger Ort, an dem das indianische Volk die Asche seiner Ahnen verstreut. Und unsere Richtmarke auf dem Weg ins Land der Vulkane, weit oben im Norden Kaliforniens.

Krieg und Frieden: Lava Beds National Monument Nur knapp 15 Kilometer südlich der Grenze zu Oregon findet sich mitten im vulkanisch geprägten Nirgendwo das „Lava Beds National Monument“. Das 186 Quadratkilometer große Gebiet verdankt seinen Namenszusatz „Land der erloschenen Feuer“ der Existenz von rund 380 Lavaröhren. Diese Höhlen, die einst von Lavaflüssen ins Gestein getrieben wurden, durchziehen die ganze Region. Still, weit und eben liegt das Land heute da. Unterbrochen nur von kargen Hügeln, den Überbleibseln vulkanischer Aktivitäten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts suchten die Modoc-Indianer unter Häupftling Kintpuash, besser bekannt als „Captain Jack“, in den Höhlen Zuflucht vor den weißen Soldaten.
Über einen eigens angelegten Weg können Besucher des National Monument die Höhlen auf eigene Faust erkunden. Gemeinsam mit Walking Eagle werden auf so einem Spaziergang die Geister der Vergangenheit lebendig. „Als ich das erste Mal hierher kam“, sagt der Karuk, „musste ich weinen. Hier ist so viel passiert. Sie haben uns alle in dieses Reservat am Klamath River gepackt; verschiedene Stämme zusammen, das konnte nicht gut gehen“. Er selbst sieht seine Aufgabe heute darin, zwischen den „native Americans“ und den Weißen zu vermitteln: „Es wird Zeit, dass wir einander wieder respektieren, dass wir Vorbilder sind für unsere Kinder.“ Walking Eagle – „diesen Namen gaben mir die Ältesten. Eigentlich heiße ich Hun-na-ch.“ Übersetzt bedeutet das „someone special“ – ein Besonderer.

Himmel und Hölle: Lassen Volcanic Park und Bumpass Hell Etwas Besonderes ist der Manzanita Lake in goldener Abendstimmung, zu dem uns nach fünf ereignisreichen Tagen der Highway 89 führt. Der Himmel auf Erden. Oberflächlich betrachtet. Doch in der Gegend um den Mount Lassen ist die Erde immer noch vulkanisch aktiv. Eines Tages, so sagen die indianischen Ureinwohner, wird sich jener Berg, der sich gerade so vollkommen im See spiegelt, selbst zerreißen. Wie es scheint, liegen Himmel und Hölle manchmal sehr nah beieinander.
Ein Eindruck, der sich am „Bumpass Hell“ noch einmal wiederholt: Der Ausblick vom fünf Kilometer langen Höhen-Wanderweg auf den „Lassen Volcanic National Park“ ist so fantastisch, dass Präsident Roosevelt das Gebiet 1907 zum National Monument erklären ließ. Dann jedoch geht es 76 Meter hinunter – direkt in die Schwefelhölle und den geothermisch aktivsten Bereich des Nationalparks. Hier blubbern kochende Schlammlöcher und schießen heiße Quellen in den Himmel. So wild, so unberechenbar wirkt diese Landschaft, dass der Gedanke, durch wohl geordnete Plantagen den Rückweg anzutreten, irgendwie seltsam wirkt.

Der Rückweg: Sacramento Valley
Hinter Redding über den Highway 5 und dann über die Interstate 505 und 680 zurück nach Dublin. Immer geradeaus. Kultivierte Natur zur Linken und zur Rechten – soweit das Auge reicht. Akkurat, bewässert, beschnitten und gepflegt. Durch den „Fruchtgarten Amerikas“, das Sacramento Valley, führen Straßen, die ebenso schnurgerade verlaufen wie die Wege zwischen den Obstbäumen. Was das Auge nach kluftigen Küsten, den größten Bäumen der Welt, nach Gebirgsstraßen und Vulkanen schwer verwirrt. 1228 Meilen, knapp 2000 Kilometer, in einer Woche, so scheint es, haben nicht gereicht, die ganze Geschichte zu erfahren. Und es bleibt das Gefühl zurück, nur einen kleinen Teil Kaliforniens wirklich erkundet zu haben. Tanja Weimer

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